SchlagwortPsychoanalyse

Robert Seethaler: Der Trafikant (2012) 3.33/5 (6)

https://i1.wp.com/media.buch.de/img-adb/32203962-00-00.jpg?w=788&ssl=1Österreich 1937: Der 17-jährige Franz Huchel verlässt sein Heimatdorf, um in Wien als Lehrling in einer Trafi,einem Tabak-und Zeitungsgeschäft, sein Glück zu suchen.

Dort begegnet er eines Tages dem Stammkunden Sigmund Freud und ist sofort fasziniert von ihm. Im Laufe der Zeit entwickelt sich eine ungewöhnliche Freundschaft zwischen den beiden unterschiedlichen Männern.

Als sich Franz kurz darauf Hals über Kopf in die Varietétänzerin Anezka verliebt und in eine tiefe Verunsicherung stürzt, sucht er bei dem alten Professor Rat. Dabei stellt sich jedoch schnell heraus, dass dem weltbekannten Psychoanalytiker das weibliche Geschlecht ein mindestens ebenso großes Rätsel ist wie Franz. Ohnmächtig fühlen sich beide auch angesichts der sich dramatisch zuspitzenden politisch-gesellschaftlichen Verhältnisse.

Und schon bald werden sie und Anezka jäh vom Strudel der Ereignisse auseinandergerissen.

Wien, Berggasse 19, Freud-Museum

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Siri Hustvedt: Die zitternde Frau (2009) 3.5/5 (2)

Dies ist die Geschichte einer mysteriösen «Störung» und derjenigen, die von ihr befallen wurde: die bekannte New Yorker Schriftstellerin Siri Hustvedt.

2003 starb ihr Vater, ein Universitätsprofessor. Fast drei Jahre später hält Hustvedt eine Gedenkrede auf ihn an seiner Alma Mater. Mitten in ihrer Ansprache befällt sie ein unkontrollierbares Zittern. Sie steht die Rede durch und wundert sich: Bühnenangst hatte sie vorher nie. Kurz darauf, bei einem Uni-Vortrag über ihre Schreibkurse für psychisch Kranke, wiederholt sich das Ereignis. Diesmal kann sie es nicht vor ihrem Publikum verbergen.

Weder die Mediziner noch die Psychiater kommen zu einer aussagekräftigeren Diagnose als «Es müssen die Nerven sein». Hustvedt stellt fest, dass es klare Gesetze von Ursache und Wirkung im komplexen Wechselspiel von Geist, Psyche und Körper nicht gibt oder dass wir sie nicht kennen. Ihre Neugier ist geweckt. Bald erweitert sie ihre Aufzeichnungen zu einer mit zahlreichen Fallgeschichten illustrierten Historie und Typologie der psychophysisch bedingten Krankheitsbilder. Sie erforscht die psychische Disposition des modernen Menschen mitsamt ihren neurobiologischen Grundlagen und setzt sie in Bezug zu dem, was uns alle beschäftigt: Woher kommen wir, wohin gehen wir, wer sind wir?

Wer ihre Romane schätzt, weiß, dass sie nicht nur eine grandiose Erzählerin ist, sondern eine kluge, hoch-gebildete Autorin, die über Sachthemen ebenso interessant und unterhaltsam zu schreiben weiß wie über ihre Romanfiguren. Dies ist ihr bislang persönlichstes Buch das bewegende Dokument einer Suche nach dem, was uns im Innersten zusammenhält.
Über den Autor

Siri Hustvedt wurde am 19.02.1955 in Northfield, Minnesota, als älteste von vier Töchtern eines norwegisch-amerikanischen Professors für Skandinavistik und einer norwegischen Einwanderin geboren. Nach dem Besuch des St. Olaf College in Northfield, das sie 1977 mit B.A. in Geschichte abschloss, arbeitete sie zunächst als Kellnerin. 1978 ging sie zum Studium nach New York. 1979 erwarb sie an der Columbia University den M.A. in Anglistik. 1986 wurde sie mit einer Arbeit über Charles Dickens (“Figures of Dust. A Reading of ‘Our mutual friend’”) zum PhD promoviert. Im Februar 1981 lernte sie den Schriftsteller Paul Auster kennen, den sie 1983 heiratete und mit dem sie einen Stiefsohn und eine Tochter hat. Heute arbeitet Siri Hustvedt als Schriftstellerin, Essayistin und Übersetzerin aus dem Norwegischen.

en.wikipedia – Siri Hustvedt
FAZ – Krampf und Krämpfe von Julia Encke
FAZ – “Sind Sie hysterisch, Frau Hustvedt?” Im Gespräch mit Sandra Kegel

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Siri Hustvedt: Die Leiden eines Amerikaners (2008) 4/5 (2)

Aus der Amazon.de-Redaktion
Ihr grandioser Roman Was ich liebte hat Siri Hustvedt, die mit dem Schriftsteller Paul Auster verheiratet ist, auch in Deutschland einem breiten Publikum bekannt gemacht.  Nun hat die US-amerikanische Autorin mit Die Leiden eines Amerikaners einen beeindruckenden Familienroman geschrieben, der zugleich ein sehr persönliches Buch geworden ist. Hustvedt verarbeitet in dem Roman nicht nur ihre Trauer um den eigenen Vater, der 2003 starb, sondern benutzt auch Original-Tagebuchaufzeichnungen ihres Vaters, die sie geschickt in die Handlung einwebt.

Der Roman wird aus der Perspektive des Brooklyner Psychiaters und Psychoanalytikers Erik Davidsen erzählt, dessen Vater vor kurzem gestorben ist. Gemeinsam mit seiner Schwester Inga, einer New Yorker Schriftstellerin, kehrt er ins Elternhaus nach Minnesota zurück, um den Nachlass des Vaters zu sichten. Dabei stoßen sie auf umfangreiche Aufzeichnungen des Vaters, die tiefen Einblick in sein bewegtes Leben als Nachkomme norwegischer Einwanderer geben und eine Reihe von Geheimnissen enthüllen, die Erik und Inga verstören.

Im Laufe des Romans werden aber nicht nur die Geheimnisse des Vaters gelüftet, sondern auch viel Verdrängtes und Leid im Leben der Geschwister kommen ans Licht. Erik ist geschieden und sehr einsam. Er verliebt sich in seine Mieterin, bekommt allerdings nur zu ihrer fünfjährigen Tochter einen richtigen Draht. Inga wird von einer Journalistin verfolgt, die pikante Informationen über ihren verstorbenen Ehemann, den bekannten Schriftsteller Max Blaustein, zu haben scheint. Ihre Tochter Sonia trägt seit dem 11. September Ängste und traumatische Gefühle mit sich und ist unfähig, darüber zu sprechen. So haben alle Personen in Hustvedts Roman traumatische Verluste erlitten und versuchen, diese zu verarbeiten und eine eigene Identität zu finden. Dabei flicht Hustvedt gekonnt neueste Erkenntnisse über Trauma und Gedächtnis aus  Neurobiologie, Kulturtheorie und Psychoanalyse in die Handlung mit ein.

Mit Die Leiden eines Amerikaners hat Hustvedt einen eindringlichen Roman geschrieben, eine berührende Familiengeschichte, die zugleich das Psychogramm einer traumatisierten Gesellschaft entwirft. — Alexandra Plath

  • Gebundene Ausgabe: 416 Seiten
  • Verlag: Rowohlt Verlag GmbH (7. März 2008)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3498029851
  • ISBN-13: 978-3498029852

Rezension: Die ZEIT, FAZ,

Interview: SPON,

Siehe auch: FR

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Wahrheit und Widerstand … No ratings yet.

Wahrheit und Widerstand | www.petersheim.de

Die Psychoanalyse als angepasste Therapiestation ist ein Missverständnis. Um dieses aufzuheben, braucht es mehr als das Freud-Jahr – ein Interview mit August Ruhs

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Todestrieb auf dem Vormarsch – Gewalt & die Suche nach Erklärungen No ratings yet.

FR online – Kultur & Medien – Todestrieb. Freuds These und die Gewalt von heute

VON MARTIN ALTMEYER
Die jüngere Zeitgeschichte bietet hinreichend Anlass, sich mit den erschreckenden Ausdrucksformen radikaler Zerstörungswut zu befassen; die Beispiele reichen von der tödlichen Folterorgie im Gefängnis über das virtuell vorbereitete und dramaturgisch inszenierte Schulmassaker bis zum Massenmord an den zahlreichen Kriegsschauplätzen einer terroristischen Internationale. Was wir erleben, ist eine ungehemmte Lust an der Vernichtung des Anderen, die nach Erklärungen verlangt.

[Die Deutsche Psychoanalytische Vereinigung hatte auf ihrer Herbsttagung das Thema „Eros und Thanatos“ gezeigt, wie nahe man Freuds Todestriebtheorie heute wieder kommen kann. Ob hinter dieser Renaissance des Todestriebkonzepts der Versuch steckt, die „Unheimlichkeit abzuwehren, die uns angesichts gewaltschwangerer Lebenswelten erfasst“, blieb nur eine „blasphemische Vermutung“. ]

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Eva Illouz über Gefühle & Kapitalismus No ratings yet.

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Entmündigung als Chance?

Von ROLAND H. WIEGENSTEIN –

© Die Berliner Literaturkritik, 27.11.06

„Die Psychologen handelten als ‚Wissensspezialisten’, die Ideen und Methoden entwickelten, um die menschlichen Beziehungen zu verbessern und auf diese Weise die Wissensstrukturen und Bewusstseinsformen der Laien zu verändern. Darüber hinaus kam die Sprache der Psychologie den Interessen der Manager und Unternehmensbesitzer in besonderer Weise entgegen: Weil die Psychologen alle Probleme in die weiche Sprache von Emotion und Persönlichkeit kleideten, schienen sie nicht weniger zu versprechen, als die Mehrung der Profite, die Bekämpfung von Arbeiterunruhen, den friedlichen Ausgleich zwischen Managern und Arbeitern sowie die Neutralisierung der Klassenkämpfe.“ Dieser „emotionale Kapitalismus“, so Illouz, habe die entwickelte Welt und ihre Wahrnehmung vor allem in den Mittelschichten neu geordnet, indem er das „ökonomische Selbst emotionaler und die Emotionen instrumenteller machte.“
(…)
„Die Psychoanalyse entstand aus dem Rückzug des Selbst in die Privatsphäre und aus der Sättigung des Privaten mit Emotionen. In Verbindung mit der Produktivitätssprache der Unternehmen und der Kommodifizierung des Selbstseins im Bereich der psychischen Gesundheit war die Psychologie dafür verantwortlich, aus dem emotionalen Selbst einen öffentlichen Text und eine öffentliche Inszenierung zu machen, aufgeführt an verschiedenen sozialen Orten, etwa in intimen Beziehungen, im Unternehmen, in Selbsthilfegruppen, in Talkshows und im Internet. Die Transformation der Öffentlichkeit in eine Arena der Zurschaustellung von Privatheit, Emotion und Intimität, die kennzeichnend war für die öffentliche Sphäre der letzten zwanzig Jahre, kann nicht angemessen verstanden werden, ohne zu würdigen, dass die Psychologie dazu beitrug, private Erfahrungen in öffentliche Diskussionen zu konvertieren… Es ist dieses fortschreitende Ineinandergehen der Ressourcen des Marktes und der Sprache des Selbst im 20. Jahrhundert, das ich ‚emotionalen Kapitalismus’ genannt habe.“

Author: Eva Illouz

Year: 2006

Publisher: Suhrkamp

ISBN: 3518584596

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Eli Zaretsky No ratings yet.

Freuds Jahrhundert. Die Geschichte der Psychoanalyse

Author: Eli Zaretsky

Year: 2006

Publisher: Zsolnay

ISBN: 3552053727

Rezension in NZZ – Der Analytiker und sein Jahrhundert von Ludger Lütkehaus

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Micha Brumlik No ratings yet.

Sigmund Freud. Der Denker des 20. Jahrhunderts

Author: Micha Brumlik

Year: 2006

Publisher: Beltz

ISBN: 3407857802

Rezension in NZZ – Der Analytiker und sein Jahrhundert von Ludger Lütkehaus — nicht mehr verfügbar

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Eric R. Kandel No ratings yet.

Auf der Suche nach dem Gedächtnis. Die Entstehung einer neuen Wissenschaft des Geistes

Author: Eric R. Kandel

Year: 2006

Publisher: Siedler

Price: 24,95

ISBN: 3886808424

Da fällt dem Gedächtnisforscher der Seehase wieder ein
Von Joachim Müller-Jung

FAZ

16. März 2006

Sich selbst als einen radikalen Reduktionisten zu bezeichnen in einer Epoche der Lebenswissenschaften, in welcher mit Begriffen wie Systembiologie eine neue Ganzheitlichkeit aufzublühen scheint, wirkt auf den ersten Blick furchtbar anachronistisch. Nach Eric Kandel aber ist genau das der einzige Weg, aus der stagnierenden Psychoanalyse Freuds endlich eine empirische Wissenschaft zu machen. Es geht um viel: Um unser Bewußtsein, den freien Willen, um die geistige Gesundheit, kurz: um die Lösung geistesgeschichtlich sehr alter und biologisch zugleich doch extrem junger existentieller Fragen.

und auch

© DIE ZEIT, 29.06.2006
Auf der Schneckenspur

Eric Kandel, der große alte Mann der Gedächtnisforschung, beschreibt die Geschichte einer neuen Wissenschaft des Geistes. Von Harald Welzer

Aplysia californica ist eine ziemlich fette Schnecke, der man in freier Wildbahn eher ungern begegnet. Sie ist bis zu 75 Zentimeter lang, wiegt drei Kilo und ist zu nicht allzu viel in der Lage, außer in Gefahr einen Schwall Tinte auszustoßen und ihr Geschlecht zu wechseln, wenn ansonsten kein geeignetes Paarungsobjekt verfügbar ist. Die Schlichtheit von Aplysias Gemüt beruht darauf, dass sie insgesamt mit nur etwa 20000 Neuronen zurechtkommen muss; das System, das sie zum Lernen verwendet, umfasst nicht mal 100 Neuronen. Ein Säugetierhirn wendet mindestens eine Billion Nervenzellen auf, um das Dasein zu bewältigen, und vor diesem Hintergrund könnte man annehmen, dass insbesondere Menschen und Schnecken nicht viel gemein haben – schon gar nicht, was ihren Geist angeht.

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