SchlagwortSchicksal

Christoph Ransmayr: Atlas eines ängstlichen Mannes (2015) No ratings yet.

„Ich sah …“, so beginnt der Erzähler nach kurzen Atempausen immer wieder und führt sein Publikum an die fernsten und nächsten Orte dieser Erde: in den Schatten der Vulkane Javas, an die Stromschnellen von Mekong und Donau, ins hocharktische Packeis und über die Passhöhen des Himalaya bis zu den entzauberten Inseln der Südsee. Wie Landkarten fügen sich dabei Episode um Episode zu einem Weltbuch, das in Bildern von atemberaubender Schönheit Leben und Sterben, Glück und Schicksal der Menschen kartographiert.

Rezensionen

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Daniel Kehlmann: Ruhm – Ein Roman in neun Geschichten (2009) 3.5/5 (2)

RuhmRuhm heißt der neue Roman des Erfolgsschriftstellers Daniel Kehlmann. Damit niemand glaubt, dass er nun größenwahnsinnig geworden ist, hat er in einem Interview vor der Veröffentlichung betont, dass der Titel ironisch gemeint sei. Geistreicher Witz und subtile Ironie – diese beiden Stärken spielt Kehlmann in der Tat auch in seinem neuen Roman aus. Eine seiner Figuren ist Leo Richter, ein brillanter, geistreicher Bestseller-Autor. Der Verdacht liegt nahe, dass es sich um ein Alter Ego Kehlmanns handelt. Genährt wird er dadurch, dass Richter im Roman Ruhm über eben dieses Werk reflektiert. Und er schafft Figuren, die dort auftreten – ein vielschichtiges und spannendes Spiel mit Wirklichkeit und Fiktion, das auf weiteren Ebenen fortgeführt wird. Kehlmann schildert Richter auch in ironischer Brechung: Auf Reisen beispielsweise mutiert Leo, der Löwe, unter Flugangst leidend, zu einem ängstlich wimmernden Kätzchen.

Aus neun Kurzgeschichten besteht der Roman. Jede kann, mit Ausnahme der letzten, für sich gelesen werden. Einzelne Figuren oder Fäden der einen Geschichte werden in der nächsten oder einer späteren Geschichte weitergesponnen und zu einem Roman verwoben. Ruhm ist voller intertextueller Bezüge und Querverweise. So zitiert Kehlmann paraphrasierend aus Goethes Faust. Aber man muss nicht alles erkennen, um dem Roman folgen und ihn mit Genuss lesen zu können.

Ruhm ist ein Literatur gewordener Episodenfilm, spannungsreich und mitreißend geschrieben. Pointiert und treffsicher sind die Schilderungen: Ein Satz oder eine Geste reichen bei Kehlmann aus, um Bilder entstehen und Situationen klar werden zu lassen. Den begeisterten Lesern von Die Vermessung der Welt und Ich und Kaminski wird auch Ruhm gefallen. — Elisabeth Müller

Nach seinem Weltbestseller „Die Vermessung der Welt“ wurde Daniel Kehlmann vom deutschen Feuilleton zum Genie erklärt. Doch Genies werden hierzulande nur herbeigeredet, um sie bei nächstbester Gelegenheit opulent hinzurichten. Ist „Ruhm“ also wirklich nur die Geburt einer Ideenlosigkeit? Neun kurze Geschichten setzen sich nach und nach zu einem Roman zusammen: Ein Mann spielt Schicksal, nachdem er auf seinem Handy Anrufe erhält, die einem anderen gelten. Eine Romanfigur wird von ihrem Autor in den Tod geschickt. Ein bekannter Schauspieler flüchtet in die Rolle seines eigenen Doppelgängers. Vielleicht ist Kehlmanns Botschaft etwas abgedroschen: Dank Internet und Mobiltelefon erfinden und verlieren wir uns gleichzeitig in unendlich vielen Parallelwelten, ohne dass wir dabei die Summe dieser Welten noch fassen können. Doch sein intelligentes Puzzlespiel macht bei der Spannung keine Abstriche. Und selbst wenn Klischeefiguren wie der fettleibige Internetjunkie Mollwitz eines Genies unwürdig sind: Ein Exekutionskommando rechtfertigen sie noch lange nicht. (cs)

  • Gebundene Ausgabe: 203 Seiten
  • Verlag: Rowohlt Verlag GmbH; Auflage: 4 (16. Januar 2009)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3498035436
  • ISBN-13: 978-3498035433

de.wikipedia

ZEIT: Spiegelglatte Designerliteratur. Nach Kehlmanns Bestseller „Die Vermessung der Welt“ erscheint nun sein neuer Roman „Ruhm“. Ein humorloses und bescheidenes Buch Von Wiebke Porombka 16. Januar 2009

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Michel Ondaatje: Divisadero (2007) No ratings yet.

DivisaderoFür Claire und Anna ist ihre Mutter Lydia Mendes nur ein Gerücht, “ein Gespenst, das unser Vater nur selten erwähnte“. Nur Cooper, der seit seiner Kindheit auf der Farm im Norden Kaliforniens arbeitet, hat sie gekannt, könnte erzählen von ihr. Aber Cooper, selbst Waise und vom Vater mehr schlecht als recht geduldet, ist ein schweigsamer Mensch. Farmer soll Cooper werden, hat der Vater beschlossen. Aber der liest lieber Bücher über Gold unter dem Gras der Prärie.

Leise aber stetig entwickelt der 64-jährige Schriftsteller Michael Ondaatje (Der englische Patient) seine verwaisten Figuren, ihre verzweifelten Konstellationen und Schicksale. Auf der Suche nach dem privaten Glück verliebt sich die einsame Anna in Cooper. Als der Vater hinter die Liaison kommt, prügelt er Cooper auf brutalste Art und Weise vom Hof. Statt als Goldsucher wird er sich später als Profi-Pokerspieler verdingen. Anna geht nach Südfrankreich; allein Claire bleibt daheim, wo sich ihr Weg mit dem von Cooper nochmals kreuzt. Außenseiter und Getriebene, verlorene Seelen sie alle, getragen und verknüpft nur durch den melancholischen Tonfall von Ondaatjes grandioser Erzählung.

„Wir begriffen, dass seine Schweigsamkeit nicht aus einem Wunsch nach Alleinsein herrührte, sondern aus Unsicherheit gegenüber den Wörtern“, heißt es in Divisadero über Cooper. „Gewandt war er in der Welt materieller Dinge, in der er uns beschützte. Aber in der Welt der Sprache war er unser Schüler.“ In der Welt der Sprache, möchte man sagen, ist Ondaatje der uneingeschränkte Meister. So jedenfalls, wie er in Divisadero mit Wörtern seine Figuren und ihre Beziehungen entwickelt, macht ihm so leicht niemand etwas vor. — Isa Gerck, Literaturanzeiger.de

  •  Gebundene Ausgabe: 280 Seiten
  • Verlag: Hanser; Auflage: 4 (Mai 2007)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3446209239
  • ISBN-13: 978-3446209237

Frankreich

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Julia Franck: Die Mittagsfrau (2007) 2.6/5 (5)

Als der siebenjährige Peter in der Küche in seinem improvisierten Bettchen liegt, singt Frau Kozinska durch die Risse im Boden in der Wohnung unten. Die Russen, die neuerdings bei ihr wohnen, halten sie nicht davon ab. Dann reißt die Mutter Peter unsanft aus seinen Träumen. Er müsse zur Schule, sagt sie, der Lehrer Fuchs warte. Aber der Lehrer wartet schon lange nicht mehr auf jeden Schüler, seit die Schule zerbombt und in den Milchladen von Fuchs’ Schwester umgezogen ist. Der Krieg ist verloren, Hoffnungslosigkeit hat sich breit gemacht. Was soll man da noch lehren und lernen?

In Die Mittagsfrau entrollt die 37-jährige Berliner Autorin Julia Franck ihre Geschichte, die vor den ersten Weltkrieg zurück reicht, vom Ende her. Mit ihrem Sohn Peter geht Helene, deren unbeschwerte Kindheit in der Lausitz 1918 abrupt beendet wurde, 1945 wie fast jeden Tag zu einem Bahnhof in Vorpommern, um vor den Russen Richtung Berlin zu fliehen. Am Bahnhof lässt sie Peter stehen und verschwindet: die traurige Konsequenz eines Lebens, dass selbst kaum Liebe erfahren hat und dem von daher auch die kindliche Liebe unerträglich wird. Von den Männern enttäuscht und von der Familie verlassen, fasst Helene einen Entschluss, der so grausam ist wie die Schicksalsschläge, die sie selbst erlitten hat…

Offenbar gibt es heute nichts mehr zu erzählen. Nur so lässt sich erklären, warum auch die jüngste Generation deutscher Autorinnen und Autoren literarisch immer wieder zum Krieg und seinen Schrecken Zuflucht nimmt. Solange dies allerdings auf so blendende Art und Weise wie bei Julia Franck geschieht, will und kann man sich nicht beschweren. Die Mittagsfrau jedenfalls entwirft am Einzelschicksal ein grandioses Panorama einer erbarmungslosen Zeit. Unbedingt lesenswert.

Stefan Kellerer

Year: 2007

Publisher: Fischer (S.), Frankfurt

kulturnews.de
Nun hat Julia Franck also den Deutschen Buchpreis 2007 bekommen. Kein Wunder, denn Buchmarkt und Feuilleton gieren zurzeit nach menschelnden Jahrhundertschauen. Historische Familienromane sind Trendthema – und mit „Die Mittagsfrau“ liefert Julia Franck eine Chronik über zwei Weltkriege und die Zeit dazwischen. Bei der Flucht aus Pommern setzt Krankenschwester Helene ihren siebenjährigen Sohn auf einem Bahnsteig aus. Per Rückblende folgt die Biografie einer Mutter, die zu dieser Tat fähig ist: Da ist die Kindheit in der Lausitz, mit einem Vater, der schwer verletzt aus dem Ersten Weltkrieg zurückkehrt, und einer gefühlskalten Mutter. Es folgt der Umzug zur Tante nach Berlin, wo Helene gemeinsam mit ihrer Schwester Martha die üblichen Ausschweifungen der Goldenen Zwanziger mitnimmt. Als ihre große Liebe, der Philosophiestudent Carl, tödlich verunglückt, zerbricht Helene. Apathisch gibt sie einige Zeit später dem Werben des Nazis Wilhelm nach, durchleidet die Ehehölle – und bekommt einen Sohn. Liest man „Die Mittagsfrau“ als Psychogramm einer zerstörten Frau, dann zählt Julia Francks Roman ganz sicher zu den Höhepunkten der Saison. Es sind Detailbeobachtungen, die minutiös beschriebenen Empfindungen der Protagonistin, die sogar Klischeefiguren wie Nazi Wilhelm als das personifizierte Böse rechtfertigen. Als Zeitporträt aber ist dieses Buch so schlecht wie ein dreiteiliger TV-Film. Julia Franck macht sich gar nicht erst die Mühe, überstrapazierte Bilder zu vermeiden und einen innovativen Blickwinkel auf die Geschichte zu finden. Sie nutzt die Klischees als Versuchsanordnung, um von gesellschaftlichem Außenseitertum und seelischer Erkaltung zu erzählen. Und damit hat sie dem Trend ein Schnippchen geschlagen. (cs)

Rezension in Die Zeit

Interview

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