SchlagwortTheodor W. Adorno

Eva Illouz über Gefühle & Kapitalismus No ratings yet.

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Entmündigung als Chance?

Von ROLAND H. WIEGENSTEIN –

© Die Berliner Literaturkritik, 27.11.06

„Die Psychologen handelten als ‚Wissensspezialisten’, die Ideen und Methoden entwickelten, um die menschlichen Beziehungen zu verbessern und auf diese Weise die Wissensstrukturen und Bewusstseinsformen der Laien zu verändern. Darüber hinaus kam die Sprache der Psychologie den Interessen der Manager und Unternehmensbesitzer in besonderer Weise entgegen: Weil die Psychologen alle Probleme in die weiche Sprache von Emotion und Persönlichkeit kleideten, schienen sie nicht weniger zu versprechen, als die Mehrung der Profite, die Bekämpfung von Arbeiterunruhen, den friedlichen Ausgleich zwischen Managern und Arbeitern sowie die Neutralisierung der Klassenkämpfe.“ Dieser „emotionale Kapitalismus“, so Illouz, habe die entwickelte Welt und ihre Wahrnehmung vor allem in den Mittelschichten neu geordnet, indem er das „ökonomische Selbst emotionaler und die Emotionen instrumenteller machte.“
(…)
„Die Psychoanalyse entstand aus dem Rückzug des Selbst in die Privatsphäre und aus der Sättigung des Privaten mit Emotionen. In Verbindung mit der Produktivitätssprache der Unternehmen und der Kommodifizierung des Selbstseins im Bereich der psychischen Gesundheit war die Psychologie dafür verantwortlich, aus dem emotionalen Selbst einen öffentlichen Text und eine öffentliche Inszenierung zu machen, aufgeführt an verschiedenen sozialen Orten, etwa in intimen Beziehungen, im Unternehmen, in Selbsthilfegruppen, in Talkshows und im Internet. Die Transformation der Öffentlichkeit in eine Arena der Zurschaustellung von Privatheit, Emotion und Intimität, die kennzeichnend war für die öffentliche Sphäre der letzten zwanzig Jahre, kann nicht angemessen verstanden werden, ohne zu würdigen, dass die Psychologie dazu beitrug, private Erfahrungen in öffentliche Diskussionen zu konvertieren… Es ist dieses fortschreitende Ineinandergehen der Ressourcen des Marktes und der Sprache des Selbst im 20. Jahrhundert, das ich ‚emotionalen Kapitalismus’ genannt habe.“

Author: Eva Illouz

Year: 2006

Publisher: Suhrkamp

ISBN: 3518584596

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Jürgen Habermas: Zwischen Naturalismus und Religion. Philosophische Aufsätze No ratings yet.

Zwischen Naturalismus und Religion. Philosophische Aufsätze

Author: Jürgen Habermas

Year: 2005

Publisher: Suhrkamp

ISBN: 3518584472

Kurzbeschreibung
Zwei gegenläufige Tendenzen kennzeichnen heute die geistige Situation der Zeit: die Ausbreitung naturalistischer Weltbilder und die religiöser Orthodoxien. Auf der einen Seite dringt mit den Fortschritten in Biogenetik, Hirnforschung und Robotik eine naturwissenschaftlich objektivierte Selbstauffassung von Personen auch in alltägliche Handlungszusammenhänge ein.

Mit dieser Tendenz verbindet sich für die Philosophie die Herausforderung eines szientistischen Naturalismus:
Strittig ist nicht die Tatsache, daß alle Operationen des menschlichen Geistes durchgängig von organischen Substraten abhängig sind. Die Kontroverse geht vielmehr um die richtige Art eines naturalistischen Verständnisses der kulturellen Evolution. Dieser Tendenz begegnet auf der anderen Seite eine unerwartete Revitalisierung von Glaubensüberlieferungen und die weltweite Politisierung von Glaubensgemeinschaften. Mit dieser Wiederbelebung religiöser Kräfte verbindet sich für die Philosophie die Herausforderung einer Grundsatzkritik am nachmetaphysischen und nichtreligiösen Selbstverständnis der westlichen Moderne: Strittig ist nicht die Tatsache, daß es politische Gestaltungsmöglichkeiten nur noch innerhalb des alternativlos gewordenen Universums der im Westen entstandenen wissenschaftlich-technischen und wirtschaftlichen Infrastrukturen gibt.

Kontrovers ist vielmehr die richtige Deutung der Säkularisierungsfolgen einer kulturellen und gesellschaftlichen Rationalisierung. Der vorliegende Band versammelt Aufsätze, die sich im Horizont dieser Fragestellungen bewegen. Durch alle Beiträge zieht sich als roter Faden die Intention hindurch, den gegenläufigen, aber komplementären Herausforderungen von Naturalismus und Religion mit dem nachmetaphysischen Beharren auf dem normativen Eigensinn einer detranszendentalisierten Vernunft zu begegnen.


Rezension in der ZEIT – 13.10.2005 Nr.42
Die Religion der Moderne
In seinem neuen Buch setzt sich Jürgen Habermas mit dem naturalistischen Weltbild der Hirnforschung und dem Einfluss religiöser Orthodoxien auseinander
Hans Joas

Habermas präsentiert sich bei aller Distanznahme im Einzelnen als ein neuer Kant – ein Kant der kommunikativen Vernunft und des Zeitalters nach Darwin. Es ist kein Zufall, dass die Studie zu Kants Religionsphilosophie wohl die brillanteste des Bandes ist. Auch die Haltung des Moralisten Kant zur Religion wird in ihrer mehrfachen Ausrichtung übernommen. Die eher technischen Teile des Bandes – Auseinandersetzungen mit Denkern, die Habermas in verschiedener Weise verbunden sind wie Adorno, Apel, McCarthy und Menke – zeigen den enormen Anspruch dieser Philosophie.

Rezension in der FAZ
Der Kern entzieht sich dem Argument
Jürgen Habermas hält eine abgerüstete Religion für vernünftig
Von Michael Pawlik

25. November 2005

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Ein Nein der Hoffnung No ratings yet.

Slavoj ZiZek in der ZEIT vom 09.06.2005 Nr.24 sieht im Referendum zur EU-Verfassung nur eine Scheinalternative und attestiert den europäischen Eliten schlichtweg Unfähigkeit.

Die wirkliche Entscheidung verlangt nach der Kraft der eigenen Entscheidung in der europäischen Moderne.

Mit Blick auf Freud behauptete Theodor W. Adorno einmal, die gegenwärtige »verwaltete Welt« mit ihrer »repressiven Entsublimierung« sei nicht mehr durch die alte Logik der Unterdrückung des Es und seiner Triebe geprägt, sondern durch einen perversen direkten Pakt zwischen dem Über-Ich (der gesellschaftlichen Autorität) und dem Es (unzulässigen aggressiven Trieben) auf Kosten des Ich. Vollzieht sich heute auf politischer Ebene nicht etwas strukturell Ähnliches, ein unheimlicher Pakt zwischen dem postmodernen globalen Kapitalismus und vormodernen Gesellschaften – auf Kosten der Moderne selbst? Es fällt dem multikulturalistischen globalen Empire Amerika leicht, vormoderne lokale Traditionen zu integrieren – der Fremdkörper, den es aber effektiv nicht absorbieren kann, ist die europäische Moderne.
[…]
Die Botschaft des französischen Nein an uns alle, denen Europa am Herzen liegt, lautet: Nein, anonyme Experten, die uns ihre Ware in knallbunter, liberal-multikulturalistischer Verpackung verkaufen wollen, werden uns nicht am Denken hindern. Es ist für uns, die Bürger Europas, an der Zeit, uns bewusst zu machen, dass wir eine genuin politische Entscheidung darüber treffen müssen, was wir wollen. Kein aufgeklärter Verwalter kann uns diese Aufgabe abnehmen.

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