SchlagwortUSA

Siri Hustvedt: Nicht hier, nicht dort. Essays (2000) 2/5 (1)

51099098. sx318 sy475 Siri Hustvedt hat sich mit ihren Romanen «Die unsichtbare Frau» und «Die Verzauberung der Lily Dahl» als Autorin ebenso spannender wie moderner Literatur einen Namen gemacht.

In «Nicht hier, nicht dort» sind nun zum ersten Mal ihre essayistischen Schriften versammelt.

Der Titel ist programmatisch: Hustvedt bezieht ihn auf ihre geographische Herkunft als zwischen den Kulturen aufgewachsene Tochter norwegischer Einwanderer und auf ihren künstlerischen Standpunkt als Beobachterin und Bewahrerin: die Fiktion als Zwilling der Erinnerung, angesiedelt zwischen der realen Welt und der gedachten, gefühlten der Phantasie.

Die Sprache als Mittlerin zwischen diesen Welten steht im Mittelpunkt von Hustvedts Betrachtungen zu Literatur und bildender Kunst: Sie erschließt, ob als Bildsprache des Malers oder als literarische des Schriftstellers, ein komplexes System von changierenden Zeichen und Symbolen, deren Struktur und Bedeutung in unserem Bewusstsein und zugleich außerhalb von uns angelegt sind. ln dieses Zwischenreich blickt man, wenn man in den leeren Spiegel von Vermeers «Annunziata» oder durch «Gatsbys Brille» bei F. Scott Fitzgerald schaut oder wenn man die sprechenden Figurennamen in Charles Dickens’ «Unser gemeinsamer Freund» betrachtet.

An diesen und anderen Beispielen erläutert Hustvedt, wie der künstlerische Schaffensprozess zu Erkenntnis führt. Ein Essay über den puritanischen Dirigismus, mit dem US-amerikanische Gerichte und Institutionen die Sexualität regulieren wollen, erforscht ebenfalls ein Zwischenreich: jenes wiederum stark durch Phantasie, Projektion und Experiment geprägte Feld der Annäherung, in dem jeder erotische Kontakt zwischen Menschen beginnt. Siri Hustvedt unterscheidet, wie in ihren Romanen, nicht streng zwischen ihrer privaten Biographie und ihrem öffentlichen Werk. Im Werk schwingt stets ein Widerhall des Lebens mit. Deshalb ist dieses Buch ein Glücksfall. Es gibt Einblick in ihre Arbeit und in ihr Leben und unterhält zudem auf hohem Niveau.

Hardcover
Published September 1st 2000 by Rowohlt, Reinbek
ISBN 3498029525 (ISBN13: 9783498029524)

literaturkritik.de: Analyse und Sinnlichkeit. Siri Hustvedts Essays „Nicht hier, nicht dort“ Von Ingeborg Gleichauf Erschienen am: 01.03.2001

Please rate this

Ocean Vuong: Auf Erden sind wir kurz grandios (2019) 4/5 (1)

52029155. sx318 sy475 „Lass mich von vorn anfangen. Ma …“

Der Brief eines Sohnes an die vietnamesische Mutter, die ihn nie lesen wird.

Die Tochter eines amerikanischen Soldaten und eines vietnamesischen Bauernmädchens ist Analphabetin, kann kaum Englisch und arbeitet in einem Nagelstudio.

Sie ist das Produkt eines vergessenen Krieges. Der Sohn, ein schmächtiger Außenseiter, erzählt – von der Schizophrenie der Großmutter, den geschundenen Händen der prügelnden Mutter und seiner tragischen ersten Liebe zu einem amerikanischen Jungen.

 

Hardcover, 240 pages
Published July 22nd 2019 by Carl Hanser (first published June 4th 2019)
Original Title On Earth We’re Briefly Gorgeous
ISBN 3446263896 (ISBN13: 9783446263895)
Edition Language German

Ocean Vuong – en.wikipedia

On Earth We’re Briefly Gorgeous – en.wikpedia

ZEIT: Die Traurigkeit der Nagelstudios. Der junge US-Autor Ocean Vuong erzählt in seinem eindrücklichen Roman von seinen vielen zerrissenen Leben als Einwanderer, als Homosexueller und als Sohn einer vietnamesischen Analphabetin. Eine Rezension von David Hugendick DIE ZEIT Nr. 30/2019, 18. Juli 2019

ZEIT: „Ich habe gelernt, ein Chamäleon zu sein“. Der Debütroman von Ocean Vuong ist ein literarisches Ereignis dieses Jahres. Ein Gespräch mit dem Autor über Vietnam, asiatische Stereotype und die Einsamkeit im Schulbus Interview: Khuê Ph?m 1. Oktober 2019, 8:26

DLF: Sicher dauerhaft grandios. Mit Ocean Vuongs Debütroman „Auf Erden sind wir kurz grandios“ tritt eine neue Form der engagierten Literatur mit weltweiter Beachtung auf: Mit hohem Kunstanspruch entsteht im Grenzgebiet zwischen Erzählung, Gedicht und Essay so etwas wie literarische Selbstermächtigung. Von Insa Wilke 21.07.2019

SZ: Vom Leben als Produkt des Krieges. Ocean Vuong entwickelt mit seinem Debüt „Auf Erden sind wir kurz grandios“ eine völlig neue Form politischer Literatur. Es handelt davon, wie der Krieg die Körper verhärtet und die Seelen verstört – und von einem jungen Leben in der strukturell gewalttätigen Gesellschaft der USA. Von Insa Wilke 24. Juli 2019, 4:51 Uhr

FAZ: Die Regeln sind in uns. In seinem Romandebüt „Auf Erden sind wir kurz grandios“ beschreibt Ocean Vuong in aller Brutalität, was Sprache Menschen geben und nehmen kann. Und wie er Rettung in den Sätzen toter weißer Männer fand. Von Harald Staun 24.07.2019-20:08

DLF: Ein Junge sucht seine Sprache. Ocean Vuong schildert in seinem Debüt, was Sprache Menschen geben und ihnen nehmen kann. „Auf Erden sind wir kurz grandios“ erzählt von einem Kind vietnamesischer Einwanderer in den USA, von seiner traumatisierten Familie und seinem Coming-Out. Von Maike Albath Beitrag vom 27.07.2019

Please rate this

Richard Ford: Zwischen ihnen (2017) 4.33/5 (9)

Zwischen ihnen

Richard Ford erzählt vom Amerika seiner Eltern: ein bewegendes Buch über Erinnerung, Familie und ein Land, das es so nicht mehr gibt.

Mit siebzehn verliebt sich Edna Akin aus Arkansas in Parker Ford, einen Jungen vom Land mit den durchscheinend hellblauen Ford-Augen. Sie heiraten und beginnen ein Nomadenleben in den Südstaaten der USA – Parker arbeitet als Handlungsreisender. Die 30er Jahre ziehen vorbei wie ein langes Wochenende, ungezählte Meilen,

Cocktails, Hotelzimmer: New Orleans, Texarcana, Memphis. Die Geborgenheit, die es in ihrer Welt, dem Amerika der frühen Ford-Romane, nicht gibt, finden sie beieinander. Dann kommt ein einziges spätes Kind zur Welt – und alles ändert sich. „Zwischen ihnen“ ist Richard Fords intimstes Buch: ein literarisches Memoir über seine Eltern und ein atmosphärisches Porträt des Lebens in den USA Mitte des 20. Jahrhunderts.

Hardcover, 143 pages
Published 2017 by Hanser
Original Title Between Them: Remembering My Parents
ISBN13 9783446256804
Edition Language German
Literary Awards
Gordon Burn Prize Nominee for Longlist (2017)

ZEIT Mutmaßungen über Vater und Mutter, Anrührend, aber unpathetisch: Der Schriftsteller Richard Ford erinnert sich in „Zwischen ihnen“ an seine Eltern. Das Buch ist eine Reise in eine versunkene Epoche. Von Klaus Nüchtern 30. August 2017

Please rate this

Irene Dische: Clarissas empfindsame Reise (2009) 3/5 (3)

Clarissas empfindsame ReiseWas für ein Buch! Es ist eine der schönsten Entdeckungen des Frühjahrs 2009. Irene Dische, längst kein literarischer Geheimtipp mehr, hat einen wundervollen kleinen Roman geschrieben: Er erzählt die Geschichte der betörenden, empfindsamen, aber auch berechnenden und zynischen Clarissa. Sie erzählt von Liebesschwüren und Liebesfluchten, von den Entdeckungen beim Reisen und von einem Amerika, das sich mitten im Umbruch befindet.

Die unglücklich Verliebte Clarissa hat einen Plan: „Ich habe mir New York als Medizin verschrieben… Die New Yorker haben einen Krieg verloren… Einen Krieg oder all seine Ersparnisse zu verlieren ist natürlich nicht zu vergleichen mit dem Verlust einer Liebe, aber ein gemeinsames Klagelied können wir trotzdem anstimmen.“ Und so begibt sich Clarissa – verschmäht von einem ukrainischen Bohemien – auf den Weg in ihre Heimatstadt, die sie seit zehn Jahren nicht mehr gesehen hat. Über Miami macht sie sich mit wechselnden Bekanntschaften auf einen Roadtrip nach New York. Eigentlich politisch desinteressiert und völlig abgeklärt, wird sie im Frühjahr/Sommer 2008 immer tiefer hineingezogen in die Aufbruchstimmung, die das Land durch die Kandidatur Obamas bestimmt. Die sarkastische, am liebsten um sich selbst rotierende Clarissa wird zur genauen Beobachterin vor allem der Abseitigkeiten und Absurditäten eines Landes, das auf der Suche nach sich selbst ist.

Der Roman führt ebenso wie die Heldin auch Irene Dische zurück in ihre Heimat New York, wo sie 1952 als Tochter deutsch-jüdischer Emigranten geboren wurde. Heute lebt sie mal in Berlin, mal auf dem Land in Rhinebeck, mal an der amerikanischen Ostküste. Ihre Großmutter, eine strenggläubige Katholikin, hatte übrigens nicht viel übrig für Juden – bis sie ihren Mann kennenlernte. Deren Geschichte hat Dische in ihrem Roman Großmama packt aus erzählt.

Dische war während des Wahlkampfes in den USA unterwegs und hat zahlreiche Reportagen in dieser Zeit verfasst. Clarissas empfindsame Reise ist deren literarische Verarbeitung. Es ist ein großartiges Buch geworden, das von Liebesschmerz handelt, aber auch ein atmosphärisch dichtes Gesellschaftsporträt bietet, das – mit Disches speziellem Blick für alles Groteske – unglaublich komisch und unterhaltend ist. Und es ist eine Hommage an New York, die Stadt, die sich immer wieder selbst neu erfindet.

–Carsten Hansen, Literaturtest

  • Hardcover, 160 pages
  • Published 2009 by Hoffmann und Campe
  • Original Title Clarissas empfindsame Reise
  • ISBN 3455401333 (ISBN13: 9783455401332)
  • Edition Language German
  • literaturkritik.de/ Selbstfindungs-Odyssee in Obama-Land Über Irene Disches neuen Roman „Clarissas empfindsame Reise“ von Holger Dauer Letzte Änderung: 21.11.2016 – 18:43:51 Erschienen am: 09.09.2009

Please rate this

Jonathan Franzen: Freiheit (2010) 4/5 (2)

Patty und Walter Berglund – Vorzeigeeltern und Umweltpioniere, fast schon ideale Nachbarn in ihrer selbst renovierten viktorianischen Villa in St. Paul – geben plötzlich Rätsel auf: Ihr halbwüchsiger Sohn zieht zur proletenhaften republikanischen Familie nebenan, Walter lässt sich zum Schutz einer einzigen Vogelart auf einen zwielichtigen Pakt mit der Kohleindustrie ein, und Patty, Exsportlerin und Eins-a-Hausfrau, entpuppt sich als wahrlich sonderbar. Hat Walters bester Freund, ein Rockmusiker, damit zu tun? Auf einmal lebt Patty ihre kühnsten Träume, führt sie ein Leben ohne Selbstbetrug.
In diesem Roman einer Familie, der zugleich ein großes Epos der letzten dreißig Jahre amerikanischer Geschichte ist, erzählt Jonathan Franzen von Freiheit – dem Lebensnerv der westlichen Kulturen – und auch dem Gegenteil von ihr, zeigt die tragikomischen Verwerfungen zeitgenössischer Liebe und Ehe, Freundschaft und Sexualität. «Freiheit» ist ein bedeutsames Buch über unser Leben in einer immer unübersichtlicher und fragiler werdenden Welt.

Weiterlesen

Please rate this

Richard Price: Lush Life (dt. Cash 2008/2010) 3/5 (1)

1862313Drei Männer werden nachts in der Lower East Side von zwei dunkelhäutigen Jugendlichen überfallen. Einer der drei wird erschossen, die Täter fliehen. Der Hauptzeuge Eric verstrickt sich bei der Polizei immer tiefer in Widersprüche. Detective Matty Clark kommen jedoch bald Zweifel an seiner Schuld. Richard Price lässt in seinem in den USA hymnisch gefeierten Bestseller die Fassade des strahlenden, „neuen“ New Yorks bröckeln und zeigt die dahinter liegenden Risse, die unter dem Glamour verborgene Macht und Gewalt. Ein Roman, der an Authentizität und atmosphärischer Dichte kaum zu überbieten ist.

Richard Price wurde 1949 in der Bronx geboren. Viele seiner Romane wurden verfilmt, u.a. von Spike Lee. Price schreibt außerdem Drehbücher für Filme von und mit z.B. Martin Scorsese, Al Pacino und Paul Newman. 2007 gewann Price den Edgar Award für seine Arbeit an der hoch gelobten TV-Serie The Wire, für die er monatelang bei der Polizei recherchierte. Er lebt in New York.

„Richard Price gelingt mit seinem Großstadtroman im ersten Anlauf ein amerikanischer Klassiker.“
Süddeutsche Zeitung

„…grandios in seinen Dialogen, eiskalt in der Studie scheiternder Existenzen.“
Frankfurter Allgemeine Zeitung

„Ein emotional intensives Herzschlagporträt New Yorks und seiner Bewohner, die durch diesen umwerfenden Roman unsterblich werden.“ New York Times

Hardcover, First Edition, 464 pages
Published March 4th 2008 by Farrar, Straus and Giroux (first published March 2008)
Original Title Lush Life
ISBN 0374299250 (ISBN13: 9780374299255)
Edition Language English
Setting

 

Please rate this

Paul Auster: Moon Palace (1990) 4/5 (1)

447

A contemporary novel which tells the story of Marco Stanley Fogg – orphan, child of the 1960s – spanning three generations. The narrative moves from the early years of this century to the first lunar landings, from Manhattan to the landscape of the American West.

aus wikipedia.de: Der Roman schildert die Suche des jungen Marco Stanley Fogg nach seiner Identität. Paul Auster lässt diese Sinnsuche wechselweise in der Großstadt New York und im „Wilden“ Westen der USA spielen. Vor dem Hintergrund der späten 60er Jahre in den USA mit allen Besonderheiten und Ereignissen wie der Mondlandung oder dem Vietnamkrieg sind wichtige Motive des Romans die Suche nach dem unbekannten Vater, die Bedeutung des Mondes und die Rolle des West-Movements (New-Frontier) in der amerikanischen Geschichte. Der Erzähler in „Moon Palace“ ist gleichzeitig der Protagonist, der im Jahre 1986 auf seine Jugendzeit zurückblickt. Auffällig sind einige biografische Ähnlichkeiten mit dem Autor, zum Beispiel waren beide (Jahrgang 1947) auf der Columbia University in New York, lebten eine Weile in dieser Stadt, teilten eine Leidenschaft für Baseball und hielten sich mit der Übersetzung französischer Texte ins Englische über Wasser.

Der Inhalt lässt sich kurz so darstellen:

  • Marcos Kindheit ohne Mutter bei Uncle Victor – dessen Tod und Marcos finanzielle Probleme in New York
  • aufgrund dessen: Obdachlosigkeit, Leben im Central Park, Rettung durch die Zufallsbekanntschaft mit einem chinesischen Mädchen namens Kitty Wu
  • Beziehung mit ihr und Beginn der Arbeit bei Thomas Effing, einem älteren, egozentrischen, blinden Herrn
  • das Niederschreiben von Effings Lebensgeschichte und seinem Nachruf, sein Tod und Marcos Treffen mit Effings Sohn Solomon
  • Trennung von Kitty und letztlich die Erkenntnis, dass Solomon sein Vater und Effing sein Großvater war
  • nach Solomons Tod Fußmarsch bis zur Pazifikküste und Beginn eines neuen Lebens.

http://en.wikipedia.org/wiki/Moon_Palace
http://www.paulauster.co.uk/moonpalace.htm

  • Paperback: 320 pages
  • Publisher: Faber and Faber (April 1, 1990)
  • ISBN-10: 0571142206
  • ISBN-13: 978-0571142200

Please rate this

Herbie Hancock: The Piano (2004) No ratings yet.

Amazon.com: The Piano: Herbie Hancock: Music

  • Audio CD (September 21, 2004)
  • Original Release Date: September 7, 2004
  • Number of Discs: 1
  • Format: Original recording remastered
  • Label: Sony
  • ASIN: B0002MHEQY

Like with Directstep a year ago, this album was recorded in Japan. Also, it was one of Hancock’s most successful albums in Japan, perhaps because it was entirely solo piano. Hancock tackles Jazz standards such as My Funny Valentine, On Green Dolphin Street and Someday My Prince Will Come while also composing/performing four original songs.

This album was initially released in Japan, but made a release to the United States, 25 years after its initial release. In 2004, the album was released in the USA with bonus tracks.

en.wikipedia

Please rate this

Siri Hustvedt: Was ich liebte (2004) 4/5 (1)

Was ich liebte (Taschenbuch) von Siri Hustvedt

  • Taschenbuch: 480 Seiten
  • Verlag: Rowohlt Tb.; Auflage: 19., Aufl. (1. April 2004)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3499233096
  • ISBN-13: 978-3499233098

Aus der Amazon.de-Redaktion
„Was ich liebte, das bleibt“, weiß Leo Hertzberg in Siri Hustvedts neuem Roman. Was dem jüdischen Kunsthistoriker nach seiner Erblindung im Alter aber bleibt, ist eigentlich nur mehr die Erinnerung an ein Leben, dessen Verlauf er sich in jungen Jahren anders vorgestellt hatte.

Hertzberg wohnt in New York, in einem Loft in unmittelbarer Nähe zur Familie des befreundeten Malers Bill Wechsler, dessen Frauenakt er einst in einer Galerie erworben hatte. Aus der Retrospektive enthüllt Hustvedt die Lebensentwürfe der Freunde, deren Biografie nicht zuletzt durch die Schicksalsschläge ihrer Kinder eine unvorhersehbare Wendung nimmt. Am Ende bleibt nur die Kunst — und eine Erkenntnis, dass am Ende allein die Erinnerung an die Liebe überlebt. Nacherzählt klingt das sehr kitschig. Was aber Hustvedt aus ihrer simplen Botschaft macht, ist überaus bemerkenswert.

Hustvedt ist die Frau des postmodernen Erzählgenies Paul Auster, dem sie Was ich liebte gewidmet hat und mit dem sie in New York zusammen wohnt.  Tatsächlich scheinen sich viele ihrer Erzählstrategien seinem Einfluss zu verdanken. Wie sie diese allerdings aufgenommen und weiter entwickelt hat, ist sehr beachtlich. Nicht zuletzt der Einfall, einen Erzähler des anderen (hier: männlichen) Geschlechts zu wählen (ein Einfall, der im Titel des Frauenaktes von Wechsler — „Selbstporträt“ — in postmoderner Manier im Roman gespiegelt wird), ist überaus gelungen und konsequent umgesetzt. So ist Was ich liebte ein stringent erzählter Künstlerroman von hoher Eigenständigkeit geworden. Hustvedt ist eine nicht mehr ganz neue, aber in Deutschland unbedingt noch zu entdeckende Erzählstimme Amerikas. –Stefan Kellerer
— Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Rezension:

Please rate this

Denis Johnson: Ein gerader Rauch (2008) 3.17/5 (6)

Dies ist die Geschichte von «Skip» Sands – einem CIA-Spion in der Ausbildung für psychologische Kriegsführung in Vietnam – und den Katastrophen, die über ihn hereinbrechen.

Dies ist die Geschichte seines Onkels, eines undurchsichtigen Geheimdienstlers, sowie der haltlosen Houston-Brüder Bill und James, die es als junge Soldaten aus der Wüste Arizonas an Orte tiefster Desillusionierungen verschlägt. Und nicht zuletzt ist dies die Geschichte von Kathy Jones, einer Krankenschwester, die nach dem Tod ihres Mannes, eines Missionars auf den Philippinen, eine Affäre mit Skip Sands hat und bis ans Ende ihren Glauben nicht verliert.

Mit ihren atemberaubend intensiven Szenerien menschlicher Getrieben- und Verlorenheit und mit ihren ungeschönten und dennoch anrührenden Porträts von Männern und Frauen, die sich verzweifelt nach einem Ende ihrer Einsamkeit sehnen, ob durch Sex oder Tod oder durch Gottes Gnade, sucht diese Geschichte ihresgleichen. «Ein gerader Rauch» ist das packendste, reichste und kraftvollste Buch, das Denis Johnson je geschrieben hat: ein wahrhaft großes, großartiges Epos – bunt, sprachgewaltig, zart.

Über den Autor
Denis Johnson, geboren 1949 in München als Sohn eines amerikanischen Offiziers, gilt als einer der wichtigsten Autoren der amerikanischen Gegenwartsliteratur. Auf Deutsch erschienen von ihm u. a. die Romane «Engel», «Schon tot» und «Der Name der Welt» sowie die Storysammlung «Jesus Sohn». Denis Johnson lebt in Idaho/USA.

Please rate this

José Saramago: Die Stadt der Sehenden (2006) No ratings yet.


  • Gebundene Ausgabe: 382 Seiten
  • Verlag: Rowohlt, Reinbek; Auflage: 2 (März 2006)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3498063847
  • ISBN-13: 978-3498063849

Es ist der Alptraum eines jeden Politikers, einer jeden Partei: da ist Wahl und keiner geht hin, schlimmer noch, die Wenigen, die kommen, geben unausgefüllte Stimmzettel ab. Und bei der Wahlwiederholung sind zwei Drittel aller Stimmzettel „leer und weiß“. Ein politisches Desaster, das „sich wie eine ihre Zündschnur suchende Bombe durchs Land zieht.“

Der portugiesische Literatur-Nobelpreisträger José Saramago bot schon in früheren Büchern einen auffälligen Gegensatz: so wie er lebt, schreibt er, ruhig, fast still, gedämpft, vermeintlich gleichmütig. Aber das, was er schreibt bewegt und erschüttert wie ein alles mit sich reißendes Beben, da wird eine politische Science-Fiktion-Geschichte auf fast 400 Seiten zu einer immer stärker, öfter und eindringlicher an reale Gegebenheiten erinnernden Parabel, bitter-böse, pessimistisch und nicht gerade Hoffnung machend.

Die Regierung, unfähiger denn je, steht mit dem Rücken zur Wand, Spitzel werden ausgeschickt. „Das Wort wird aufgenommen und ebenso das Gefühl. Niemand ist mehr sicher.“ Mit Verhaftungen, Gewalt, und Folter will man die Ursachen für die alle Parteien gleichermaßen betreffende Wahlschlappe herausfinden. Terror ähnliche Machenschaften durchlöchern langsam aber stetig die saubere, als so demokratisch gerühmte Oberfläche. Attentate, auffahrende Panzer, Demonstrationen verunsichern und destabilisieren das bis dahin so sicher geglaubte Leben. Es gibt Tote. Ein Kommissar soll die Schuldigen für das Versagen des Systems finden. Und da gibt es denn auch schon jemanden, der in Frage kommt, bekannt aus Saramagos beeindruckendem Roman Die Stadt der Blinden. Ein Buch, das kein Muss ist, um den neuen Roman über die Zerbrechlichkeit demokratischen Zusammenlebens, über Hochmut und Macht zu verstehen und außerordentlich wertzuschätzen, aber ein ebenso geniales Buch, dessen Lektüre man auf jeden Fall nachholen sollte!

Zugegeben, ein Saramogo liest sich nicht ganz leicht, endlos scheinende Sätze, oft eher konstruiert denn gedacht, mag man denken. Aber: man liest sich sozusagen in den Fluss ein. Und das geht so schnell, als würde man mitgerissen von einem langsam fließenden Lavastrom, aus dem es einfach kein Entrinnen mehr gibt. Saramago verstrickt den Leser in immer tiefere Nachdenklichkeit, Zweifel kommen auf, Fragen, Erkenntnisse. Mit Lösungen wird die Lektüre nicht versüßt, vielmehr bleiben kritische Betrachtung und Wachsamkeit. Aber: was kann es für mündige Staatsbürger besseres geben? –Barbara Wegmann

Please rate this

José Saramago: Die Stadt der Blinden (1997) No ratings yet.

  • Gebundene Ausgabe: 398 Seiten
  • Verlag: Rowohlt, Reinbek (September 1997)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3498063189
  • ISBN-13: 978-3498063184

In einer unbekannten Stadt in einem unbekannten Land wird ein Mann, der in seinem Auto sitzt und darauf wartet, daß die Ampel auf Grün schaltet, plötzlich mit Blindheit geschlagen. Aber anstatt in Dunkelheit gestürzt zu werden, sieht dieser Mann plötzlich alles weiß, als ob er „in einem Nebel gefangen oder in einen milchigen See gefallen wäre“. Ein barmherziger Samariter bietet an, ihn nach Hause zu fahren (um ihm danach das Auto zu stehlen); seine Frau bringt ihn mit dem Taxi in eine nahegelegene Augenklinik, wo er an den anderen Patienten vorbei in das Behandlungszimmer gebracht wird. Innerhalb eines Tages sind die Frau des Mannes, der Taxifahrer, der Arzt und seine Patienten und der Autodieb allesamt Opfer dieser Blindheit geworden. Als die Epidemie sich ausbreitet, gerät die Regierung in Panik und beginnt, die Opfer in einer leerstehenden Nervenheilanstalt unter Quarantäne zu stellen. Dort werden sie von Soldaten bewacht, die den Befehl haben, jeden, der zu fliehen versucht, zu erschießen.

So beginnt die Geschichte des portugiesischen Schriftstellers José Saramago über eine Menschheit im Belagerungszustand. Ein erheblicher Mangel an Absätzen, begrenzte Zeichensetzung und eingeschobene Dialoge ohne Anführungszeichen und Attribute erscheinen im ersten Moment als eine ziemliche Herausforderung, aber dieser Stil trägt tatsächlich zum Spannungsaufbau und zur Einbindung des Lesers bei.

In dieser Gemeinschaft von blinden Menschen gibt es noch ein Paar sehender Augen: die Frau des Arztes hat ihre Blindheit nur vorgetäuscht, um ihren Mann in die Quarantäne begleiten zu können. Als die Zahl der Opfer wächst und das Asyl aus allen Nähten platzt, beginnt die Versorgung zusammenzubrechen: Toiletten laufen über, Lebensmittellieferungen kommen nur noch sporadisch, es gibt keine medizinische Versorgung für die Kranken und keine Möglichkeit, die Toten richtig zu begraben. Zwangsläufig beginnen die gesellschaftlichen Konventionen ebenfalls zu zerfallen — eine Gruppe der blinden Insassen übernimmt die Kontrolle über die schwindende Lebensmittelversorgung und benutzt sie, um die anderen auszubeuten. Währenddessen bemüht sich die Frau des Arztes, ihre kleine Gruppe von blinden Schützlingen zu beschützen, und führt sie schließlich aus dem Asyl in die mittlerweile schrecklich veränderte Landschaft der Stadt zurück.

Die Stadt der Blinden ist in vielerlei Hinsicht ein erschreckender Roman. Er liefert eine detaillierte Beschreibung des totalen Zusammenbruchs der Gesellschaft nach einer überaus unnatürlichen Katastrophe. Saramago treibt seine Figuren bis an den Rand der Menschlichkeit und stürzt sie dann in den Abgrund. Seine Charaktere lernen, in unfaßbarem Schmutz zu leben, sie begehen Akte unbeschreiblicher Gewalt und erstaunlicher Großzügigkeit, die vor dieser Tragödie für sie unvorstellbar gewesen wären. Die gesamte gesellschaftliche Struktur verändert sich, um sich den neuen Umständen anzupassen — einer Welt, in der einst zivilisierte Stadtbewohner zu zerlumpten Nomaden werden, die sich auf der Suche nach Nahrung von Gebäude zu Gebäude tasten. Der Teufel steckt im Detail, und Saramago hat sich für uns eine Hölle ausgemalt, in der diejenigen, die auf der Straße erblindeten, niemals mehr ihr Zuhause finden werden, in der Menschen gezwungen sind, Hühner roh zu verspeisen, und Rudel von Hunden auf der Suche nach Leichen über die kotübersähten Bürgersteige streunen.

Und dennoch, all diesem Horror hat Saramago Passagen von unübertroffener Schönheit entgegengesetzt. Als ihr von drei ihrer Schützlinge — Frauen, die sie niemals sehen konnten — gesagt wird, sie sei schön, „bricht die Frau des Arztes in Tränen aus wegen eines Personalpronomens, eines Adverbs, eines Verbs, eines Adjektivs, bloße grammatikalische Kategorien, bloße Etiketten, genau wie die zwei Frauen, die anderen, unbestimmte Pronomen, auch sie weinen, sie umarmen die Frau des ganzen Satzes, drei Grazien im Regen.“ Mit dieser einen Frau hat Saramago eine tapfere, vollentwickelte Figur geschaffen, die dem Leser als Augen und Ohren und als das Gewissen der Menschheit dient. Und er hat mit Die Stadt der Blinden eine gehaltvolle, letztlich transzendente Betrachtung geschrieben über das, was es bedeutet, Mensch zu sein. –Alix Wilbe

Please rate this

Ruth Klüger: unterwegs verloren (2008) No ratings yet.

  • Gebundene Ausgabe: 256 Seiten
  • Verlag: ZSOLNAY-VERLAG; Auflage: 1 (20. August 2008)
  • ISBN-10: 3552054413

Der Bestseller „weiter leben“, Ruth Klügers autobiographisches Überlebensbuch, war ein beklemmendes Augenzeugnis der Konzentrationslager von Theresienstadt, Auschwitz-Birkenau, Christianstadt. Doch was kam nach dem Krieg? Aus dem dreizehnjährigen Mädchen, dem die Gaskammer nur durch einen glücklichen Zufall erspart geblieben war, wurde eine angesehene Literaturwissenschaftlerin, eine selbstbewusste Feministin und eine international ausgezeichnete Schriftstellerin. Der American Way of Life in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die komplexe Beziehung zu ihren zwei Söhnen, die unglückliche Ehe und die als Befreiung empfundene Scheidung sind Themen dieser Autobiographie. Hier erzählt eine Frau, die sich ihre Muttersprache ebenso zurückerobert wie ihre Geburtsstadt Wien, die sich mit den Verlusten, die das Altern bringt, auseinandersetzt und sich den Schatten und Visionen der Vergangenheit, aber auch denen der Gegenwart stellt.

Über den Autor
Ruth Klüger, 1931 in Wien geboren, wurde als Kind in die Konzentrationslager Theresienstadt, Auschwitz-Birkenau und Christianstadt verschleppt. Nach Ausbruch und Flucht mit ihrer Mutter und Pflegeschwester emigrierte sie in die USA, studierte Germanistik und Anglistik und lebt als Literaturwissenschaftlerin in Irvine/Kalifornien. Mit ihrer ersten literarischen Veröffentlichung, ‚weiter leben‘ fand Ruth Klüger überwältigendes Echo bei Kritik und Publikum. 2006 erhält sie den Roswitha-Preis der Stadt Gandersheim.

Siehe auch: Ruth Klüger: Flucht und Verteidigung – Debatten – Feuilleton – FAZ.NET

Please rate this

Gefühlter Abstieg oder harter Aufprall? No ratings yet.

ZEIT online – Wirtschaft – – – Mittelschicht : Die Angst der Mittelschicht

Die Angst der Mittelschicht
Risiken im Job, mehr Konkurrenzdruck und neue Ungleichheit: Im Zentrum der Gesellschaft grassiert die Furcht vor dem Abstieg.
Von Thomas Fischermann

[und weitere Artikel mit Blick über den Tellerrand nach Frankreich, Grossbrittanien, USA, Indien, China.]

Please rate this