SchlagwortVenedig

Colm Tóibín: Porträt des Meisters in mittleren Jahren (2004) 4/5 (1)

„Bis jetzt wusste ich sehr wenig über James und sein Werk. Nun glaube ich ihn fast persönlich zu kennen.“ — Könnte man Colm Tóibíns sensiblem Werk und seiner stillen Erhabenheit ein größeres Kompliment machen, als es dieser Amazon-Leser aus Essex tat? Der Ire Tóibín ist in den amerikanischen Dichter Henry James, der den größten Teil seines Lebens in Europa zubrachte, förmlich hineingekrochen. Entstanden ist dabei eine verblüffend fein ziselierte Menschenstudie, die den schnöden Begriff der Biografie weit hinter sich lässt.

Tóibín betritt im Januar 1895 das Leben des „Meisters“. In einer Sprache, in der man förmlich baden möchte, ersteht eine melancholisch verschattete Welt, die in raschen Schritten dem Fin de siècle zueilt. Mitten darin, der inzwischen 52-jährige Dichter, der sich, erbittert vom mäßigen Erfolg seiner Romane, dem Theater zuwendet. Guy Domville heißt das Stück, mit dem er Londons Bühnen im Sturm zu erobern hofft. Die Katastrophe ist niederschmetternd: Vom Publikum grausam ausgebuht, muss Henry mitansehen, wie im Theater nebenan die grobschlächtige Komödie Ein idealer Gatte des „lauten, korpulenten Iren“ Oscar Wilde, frenetisch bejubelt wird. Der in seinem Kunstanspruch zutiefst verletzte Ästhet Henry James tritt den Rückzug an!

Rom, Venedig, Paris, die englische Südküste. Stationen eines irrlichternden Meisters in mittleren Jahren durch Europas Kunst- und Gesellschaftssalons, die zur eigenen künstlerischen Identitätsfindung geraten. Zeit für Tóibín, der Familiengeschichte nachzuspüren. Der Selbstmord des reichen Vaters, der frühe tragische Tod der geliebten Schwester Alice, der Dauerkonflikt zwischen „weltlichem und kontemplativen Leben“. Für Henry wird die Suche nach dem höheren Glück zur Zerreißprobe. Im Spannungsfeld seiner sexuellen Unentschiedenheit — Henry fühlte sich sowohl zu jungen, tragikumflorten Frauen, wie auch dubiosen Männergestalten hingezogen –, entstand schließlich seine wunderbare Prosa. Der Preis war die Einsamkeit eines ungelebten Lebens.

Bildnis einer Dame, Daisy Miller, Die Gesandten. Werke der Weltliteratur und tiefenpsychologische Charakterzeichnungen. Wie schwer sie erkämpft wurden, dazu bedurfte es der Sprachgewalt und stilistischen Geschliffenheit eines Colm Tóibín. Wir können nur staunen, wie nah uns Henry James plötzlich gekommen ist.

–Ravi Unger

John Singer Sargent (1856-1925)

Please rate this

Vienna No ratings yet.

CONIECTO

I’m in Vienna for a short vacation with my daughter. I was supposed to be online, both for doing some urgent work, and for blogging – after all, I’m on vacation, and I’m supposed to do whatever I love to.

Well, the Internet connection of the friend who’s hosting me refuses to work. It worked at my arrival on my own laptop – not anymore! In situations like this, I used to say it wasn’t meant to – now I started doubting about my own theory… What’s the use of a vacation if you can’t do the things you like?! Weather is bad – grey skies and -6 to -8, I’m really looking forward to landing back in Dublin on St.Patrick’s Day!

We visited the MUMOK yesterday, and Albertina today – a brilliant Egon Schiele exhibition!
I’d really like to see the Leopold Museum tomorrow, there’s a Klimt-Schiele-Kokoschka exhibition, but I have no idea if I can convince my daughter to bear with me!

I’ll try chasing some Vienna wi-fi hotspots …maybe.

Anyhow, I hope to be back here in October, for BlogTalk reloaded

Please rate this

Thomas Mann: Venedig I No ratings yet.

Fischer Taschenbücher, Bd.54, Der Tod in Venedig und andere Erzählungen

Rating: 5 out of 5

Author: Thomas Mann

Year: 1954

Publisher: Fischer (Tb.), Frankfurt

ISBN: 3596200547

siehe auch wikipedia

Please rate this

Patricia Highsmith: Venedig II 4/5 (1)

https://i0.wp.com/www.diogenes.ch/.imaging/diogenesMediaLarge/titel/patricia-highsmith/venedig-kann-sehr-kalt-sein-9783257064124.jpg?w=788&ssl=1

Ray Garetts junge Frau hat sich umgebracht. Nun verfolgt ihn sein Schwiegervater hasserfüllt, weil er glaubt, Garett trage die Schuld am Tod des einzigen, geliebten Kindes.

In Rom wird Garett bei einem Mordanschlag nur leicht verletzt.

Statt sich jedoch vom Schwiegervater fernzuhalten, reist Garett ihm nach Venedig nach, um ihn von seiner Unschuld zu überzeugen.

Vergeblich.

Rating: 4 out of 5

Author: Patricia Highsmith

Year: 2005

Publisher: Wunderlich im Rowohlt

„Mehr und mehr schreibt Patricia Highsmith, eine Künstlerin hohen Grades, ihr Universum Schritt um Schritt auf Grundkonstellationen reduzierend. Von Anfang an hat sie nur eine Frage bewegt: Welche besonderen Umstände, Ereignisse, Antriebe können einen Durchschnittsmenschen dazu bringen, einen Mord zu begehen? Patricia Highsmiths ganze, nicht zu unterschätzende Kunst besteht darin, singuläre Verbrechen psychologisch plausibel zu machen: aus reinem Hass, aus verzweifeltem Rachedurst, archaisch, für unsere Zweckjustiz kaum zu begreifen.“ (Die Weltwoche)

„In ihrem Psycho-Thriller, inszeniert mit amerikanischen Europabummlern vor gespenstisch verschwommenen Kulissen, bedarf die Schuld-und-Sühne-Virtuosin Patricia Highsmith wahrhaft keiner Leichen, um Hochspannung zu erzeugen und ihren Lesern glaubhaft zu versichern: In der italienischen Atmosphäre dieses Abends war … nichts unmöglich.
Unmöglich, von so viel krimi-kunstvoller Seelenzerfaserung nicht gefesselt zu sein.“ (Der Spiegel)

„Patricia Highsmiths Roman Venedig kann sehr kalt sein gehört zu den Klassikern des Genres. Eine beklemmende psychologische Studie.“ (Salzburger Nachrichten)

Please rate this